Von Vermögen und Unvermögen

Über den Zusammenhang von wachsendem Reichtum und wachsender Armut


Am 08.10.2020, um 15:40 Uhr

Zwei Nachrichten haben mich diese Woche erreicht, die womöglich erst auf den zweiten Blick zusammengehören. Erstens, René Benko, der österreichische Eigner von Galeria Karstadt Kaufhof und vieler anderer Firmen in der Immobilienbranche schüttet sich selbst ca. 100 Millionen Euro Jahresdividende aus.

Das ist schon empörend genug angesichts von 6.000 akut bedrohten Arbeitsplätzen bei dem Kaufhausgiganten. Hier ist es jedoch nur ein Beispiel für die Frage, wer aus den derzeitigen weltwirtschaftlichen Verwerfungen profitiert - und wer auf der anderen Seite die Zeche zahlt. Tatsächlich fällt die Dividende circa ein Drittel höher aus als im Vorkrisenjahr.

Wer definitiv nicht profitiert, und das ist die zweite Schlagzeile, sind junge Menschen von der anderen Seite der Vermögensverteilung. Der Monitor Jugendarmut wurde am Donnerstag vorgestellt und offenbart, dass selbst das Arbeitsministerium davon ausgeht, dass im Zuge der Corona-Krise noch einmal 1,2 Millionen Haushalte in die Grundsicherung fallen. In der Altersgruppe der unter 25-Jährigen sind die Arbeitslosenzahlen so hoch angestiegen wie in keiner anderen Kohorte. Die Bundesregierung versagt beim Kampf gegen Kinder- und Jugendarmut schon seit Jahren. Sie trägt die Verantwortung für die alten und neuen Zahlen und kann darf sich nicht länger hinter Lippenbekenntnissen verstecken.

Die beiden Schlagzeilen verdeutlichen einen Prozess, der zum Kapitalismus gehört wie die Schwerkraft zum Planeten und gerne mit dem Bild der Schere beschrieben wird. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseindander. Auf der einen Seite gibt es immer mehr Reiche und Superreiche mit immer größeren Vermögen, auf der anderen immer mehr Menschen die nahe am Existenzminium oder darunter leben müssen. Die Krise wirkt wie ein Katalysator auf diesen Prozess. So konnte beispielsweise Jeff Bezos, der Amazon-Boss, sein Vermögen seit dem Beginn der Pandemie fast verdoppeln. Gleichzeitig sind in Deutschland soviele Menschen in Kurzarbeit wie noch nie. Viele haben ihren Arbeitsplatz verloren oder wissen nicht, wie sie als sogenannte Solo-Selbstständige über die Runden kommen sollen, weil Aufträge ausfallen, keine Kunst- und Kulturveranstaltungen mehr stattfinden, usw. Arme Jugendliche treffen solche Prozesse meist mit besonderer Wucht. Denn sie verfügen weder über die monetären Mittel, noch das soziale Umfeld, um Job- und Arbeitsplatzverlust der Eltern abzufedern. Der Monitor Jugendarmut zeigt deutlich, wie verheerend sich der Lockdown auf arme Jugendliche ausgewirkt hat. Der komplette Jugend- und Freizeitbereich wurde heruntergefahren. Gerade die offene Kinder- und Jugendarbeit ist aber ein wichtiger Baustein, um die Teilhabe von in Armut lebenden Jugendlichen zu fördern. Hier finden junge Menschen wichtige Ansprechpartner*innen und Hilfestellungen.

Bund, Länder und Kommunen müssen sicherstellen, dass die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe auch im Falle eines erneuten Lockdowns erhalten bleiben. Zudem müssen die Träger in den anstehenden Haushaltsverhandlungen finanziell deutlich besser ausgestattet werden, damit sie die zusätzlichen Belastungen durch Corona stemmen können.

Um Kinder und Jugendliche nachhaltig vor Armut zu schützen, fordern wir die Einführung einer Kindergrundsicherung. Konkret schlagen wir vor, das Kindergeld auf 328 Euro zu erhöhen und alters- und elterneinkommensabhängig zusätzlich bis zu 302 Euro pro Kind auszuzahlen. So können wir sicherstellen, dass kein Kind mehr in Armut aufwachsen muss. Die Sozialverbände, die Gewerkschaften und die Opposition haben konkrete Vorschläge für die Einführung einer Kindergrundsicherung vorgelegt. Die Bundesregierung muss nun endlich handeln. Tja und woher dieses Geld angesichts klammer Kassen nehmen? Ich würde als Erstes bei Herrn Benko fragen. Wobei uns klar sein sollte, dass es dieses System ist, was immer wieder den Reichtum Einzelner auf Kosten der Armut vieler befördert.